Empowerment durch Jugendarbeit

Der Begriff „Empowerment” ist in aller Munde. In vielen Bereichen taucht das Wort immer wieder auf und Bücher, Veranstaltungen und Projekte tragen diesen Titel oder handeln davon. Doch was bedeutet Empowerment?

neXTkultur in der „korrespondenz Nr. 134”

Übersetzt bedeutet „Empowerment”: Selbstermächtigung oder Selbstbefähigung. Es steckt das Wort „Power“ darin, welches Kraft, Macht und Fähigkeit bedeutet. Es geht darum, diese (zurück) zu erlangen. Besonders oft wird der Begriff verwendet im Zusammenhang mit marginalisierten Gruppen, die mit Vorurteilen und negativen Projektionen konfrontiert sind und Erfahrungen machen mit Ablehnung, Ausgrenzung und offener Anfeindung. Diese Diskriminierungserfahrungen können zu Gefühlen von Minderwertigkeit und Ohnmacht führen. Empowerment ist wichtig, um diese negativen Bilder nicht zu verinnerlichen. Empowerment hilft, dieser Verinnerlichung entgegenzuwirken und das Gefühl der Ohnmacht zu überwinden, da diese Verinnerlichung negative Auswirkungen haben können auf Beziehungsfähigkeit, Wohlbefinden, Selbstwert, Leistungsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen, Widerstandsfähigkeit, Selbsteinschätzung, Verhalten und auf die Lust und den Mut, sich einzubringen.

Jeder Mensch hat das Recht auf ein diskriminierungsfreies Aufwachsen und Leben. Dieses Recht ist in zahlreichen Gesetzen wie dem Grundgesetz, der Europäischen Menschenrechtskonvention, der UN-Kinderrechtskonvention und dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz, AGG, verbrieft. Trotzdem zeigen Studien und Alltagserfahrungen, dass Diskriminierungen für viele jungen Menschen zum Alltag gehören und ihrer ungestörten und gesunden Persönlichkeitsentwicklung im Weg stehen.

Empowerment kann durch Bildung, Vorbilder, Freund-inn-enschaften und in der Familie stattfinden. Jugendgruppen und Jugendverbände als freiwilliger Zusammenschluss junger Menschen sind ebenfalls solche Orte des Empowerments. Als Selbstorganisation zur Freizeitgestaltung nach eigenen Vorstellungen und der politischen Interessenvertretung sind sie nicht nur Werkstätten der Demokratie, sondern auch Orte der Selbstbefähigung. In noch gesteigerter Weise trifft dies zu für Jugendliche aus Minderheiten und marginalisierten Gruppen. Durch den Zusammenschluss von Gleichgesinnten machen Jugendliche hier (vielleicht sogar erstmals) die Erfahrung, in der Mehrheit zu sein und nicht als „anders” im negativen Sinne wahrgenommen zu werden, sich nicht erklären zu müssen, wodurch das Gefühl der Isolation überwunden wird.

Hier kann die eigene Lebenswirklichkeit als Normalität gelebt werden. Hier finden wichtige Akzeptanzerfahrungen, Austausch und Wertschätzung statt. Hier finden Jugendliche oft selbstbewusste und wehrhafte Vorbilder. Viele Wege führen zum Empowerment, und in Empowerment-Räumen kann jede-r den eigenen Weg finden und erfährt dabei Solidarität und Empathie. Das trägt bei zur Widerstandskraft und einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung.

Durch Empowerment kann eine „Haltung der Gleichwertigkeit als Mensch“ entwickelt werden, wie im Buch „Empowerment als Erziehungsaufgabe“ beschrieben wird.

Vereinigungen junger Menschen mit Migrationsgeschichte, Migrant-inn-enjugendselbstorganisationen, Jugendgruppen von People of Color und Neuen Deutschen Organisationen sowie ihre Pendants unter den Erwachsenenorganisationen bezeichnen sich selbst deshalb oft als Empowerment-Räume für Jugendliche mit (familiärer) Migrationsgeschichte und Jugendliche mit Rassismuserfahrungen.

 

Statements zu Empowerment:

Wichtig ist Empowerment im Sinne der Stärkung von Selbstvertrauen und Erhöhung der Handlungskompetenz. So gehört zum Empowerment auch, für sich selbst zu sprechen, weshalb wir Jugendliche um ein Statement zu Empowerment gebeten haben:

Was macht Empowerment mit Jugendlichen? „Empowerment gibt den Jugendlichen den Raum (SafeSpace), den sie brauchen, um über ihre rassistischen Diskriminierungserfahrung zu sprechen. Dadurch können sie sowohl gemeinsame Strategien für die emanzipatorische Bewegung als auch für den persönlichen Schutz, durch starke Empathien und der Wiedererkennung in der Gruppe entwickeln. Ebenfalls steht bei Empowerment die Stärkung der Jugendlichen auf allen Ebenen als ganz klares Ziel im Mittelpunkt.“ Nino Novakovic, Vorsitzender von Terne Rroma Südniedersachen e.V., Mitglied der DJO

Wann hast du dich empowered gefühlt? „Als Probleme angesprochen wurden, die wir aus eigener Erfahrung kennen mit den nötigen Lösungsansätzen dazu.“ Sümeyra Kilic und Nasuh Bellikli, beide Vorsitzende des DITIB-Landesjugendverbands Niedersachsen-Bremen

„Ich teame oft mit Jugendlichen. Es hilft, dass ich nicht weiß bin und verschiedene Sprachen spreche. Das öffnet Türen. Da bin ich der empowernde Faktor und das fühlt sich gut an.“ Sultan Unvar, Teamerin der Verdi-Jugend

Was ist für dich empowernd? „Safer Spaces – Solidarität – Selbstorganisation.“ Özlem Özdemir, Aktive der PoC-Hochschulgruppe Hildesheim

Wie können andere zu deinem Empowerment beitragen? „B.P.o.C.s sind meist Inspiration und Vorbild zugleich, wenn sie ihr Ding machen und sich für eine lebenswertere Welt für ALLE Menschen engagieren. Weiße Menschen könnten und sollten Perspektiven wechseln und aktives Powersharing betreiben. Informiert euch! Bleibt am Ball!“ Jeff Hollweg, Aktiver des Hotspot of Power, POC Jugendnetzwerk Hannover

„Empowerment bedeutet für mich die Ermächtigung, für sich selbst einzustehen und die eigenen Potenziale in sich zu entdecken. Häufig werden einem von der Gesellschaft die Defizite aufgezeigt, aber beim Empowerment geht es genau um das Gegenteil, darum, was du draufhast. Du bist mehr als deine Hautfarbe, als deine Nationalität, als dein Kopftuch.“ Sanaa Laabich, Aktive der Muslimischen Jugend in Deutschland e.V.

„Fast jedes jüdische Kind macht bestimmte Ablehnungserfahrungen und es gibt typische Reaktionen darauf. Sich mit anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen zu treffen und auszutauschen, stärkt einen dagegen und macht einen in den Situationen der Anfeindungen weniger verletzlich.“ Judit Marach, Aktive von Jung und Jüdisch e.V. Hannover

„Eine frühere Aktive der alevitischen Jugend sitzt jetzt im Bundestag: Elvan Korkmaz. Sie ist Vorbild und Inspiration und motiviert mich weiterzumachen, trotz Sexismus und Rassismus und trotz Klischees und Widerständen von verschiedenen Seiten.“ Nergiz Demirkaya, Generalsekretärin des BDAJ Norden e.V.